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Geschichte

St. Sebastian, Brülisau

Brülisau wird erstmals um 1350 als «Brünlisouw» (die Au des Brunlin) erwähnt, scheint aber ein bis zwei Jahrhunderte älter zu sein, wie P. Rainald Fischer im Innerrhoder Kunstdenkmälerband schreibt. Darauf hin deute «die Tatsache, dass der Standort der spätern Kapelle und Kirche eine Exklave der Lehner Rhod bildete». Seit dem 16. Jahrhundert werde die Gegend auch Oberdorf genannt.

Die erste Kapelle geht ins 15. Jahrhundert zurück; 1478 erlaubte Ulrich Rösch, Abt des Klosters St. Gallen «als Patronatsherr, die von der Nachbarschaft Brülisau errichtete Kapelle weihen zu lassen». Sie stand wahrscheinlich neben einem alten Wehrturm, den gegen Ende des 14. Jahrhunderts ein gewisser Jäckli Entz bewohnte, der damals als reichster Innerrhoder galt. Das Patrozinium St. Sebastian ist bereits 1588 nachgewiesen.

Die Entwicklung zum Dorf setzt erst nach dem Bau der Kapelle, der Erhebung zur Filiale von Appenzell (1647) und der Errichtung der Pfarrei (1845) ein. «Brülisau hat sich wohl zu einer guten Pfarrei und Schulgemeinde entwickelt, nie aber zu einer eigenen politischen Gemeinde», so P. Rainald.

Filialkirche

Die erste, gotische Kapelle besass einen Dachreiter und erhielt im 17. Jahrhundert einen Turm auf der Südseite. Die Gottesdienste wurden durch Priester der Mutterpfarrei Appenzell gehalten, seit 1622 jeden zweiten Sonntag. 1646 brannte das Pfrundhaus ab; dabei wurden sowohl das Taufbuch als auch andere Schriften ein Raub der Flammen.

1647 wurde Brülisau auf Anregung des Generalvikars von Konstanz zu einer Filialkirche mit eigenem Kaplan und dem Recht zum Selber-Taufen-dürfen erhoben. 1657 wurde eine Kapelle mit drei Altären geweiht, «was auf eine barocke Erweiterung schliessen lässt». Kurat war damals übrigens Franz Burtscher von Rankweil. 1659 zog eine grosse Schar Männer aus Brülisau hinauf ins Wildkirchli, um Pfarrer Paulus Ulmann, der sich dort hinauf als Einsiedler zurückgezogen hatte, als Leutpriester zu gewinnen. Er aber lehnte ab; stieg indes hie und da hinunter, um die Messe zu feiern. Ansonsten kam ein Weltgeistlicher oder ein Kapuziner, wie Pfarrer C.A. Falk 1892 schrieb.

Eigene Pfarrei

Im 19. Jahrhundert wurde die Filialgemeinde Brülisau, Berg und Schwarzenegg (wie sie korrekt hiess) eine eigene Pfarrei mit allen Rechten, die dazu gehören: Messe feiern und Sakramente spenden. Das Recht aber, «einen tauglichen Priester auf diese Pfarrei dem hochwst. Hrn. Bischof zu präsentieren, hat Landammann und Grosser Landrath», so Pfarrer Falk. Die «Pfarrkinder» von Brülisau wurden auch verpflichtet, am St. Mauriziustag zur Mutterkirche in die Messe zu gehen und «zur Anerkennung der Mutterkirche zwei Pfund Wachs zu entrichten».

Zur Erhebung zur Pfarrei gibt es zwei Jahreszahlen: 1830 entsprach der Grosse Rat dem Wunsch des damaligen Pfarrers Johann Anton Weishaupt; an Ostern hielt Pfarrer Weishaupt erstmals den pfarramtlichen Gottesdienst. Nun konnte auch der Wechsel des Rhodspatrons (von Maria Magdalena zu Sebastian) vorgenommen werden; dazu war eine selbständige Pfarrei nötig. Die kirchliche Bestätigung dieses Entscheids liess allerdings 15 Jahre auf sich warten, bis 1845. Grund war ein Streit, der sich über Jahrzehnte hinzog: Die beiden geistlichen Brüder J.B. Philipp und J. Anton Weishaupt versuchten, «gegen den Widerstand der Regierung und das Zaudern der bischöflichen Kurien von Konstanz und Chur» Brülisau zu einer eigenen Pfarrei zu machen, und zwar «durch eigenmächtiges und unkanonisches Vorgehen, gestützt auf freundliche, aber verklauselte Zusagen der päpstlichen Nuntiatur» (so Pater Rainald). Weil das schliesslich gelang, nannte Pfarrer Weishaupt die Kirchgemeinde Brülisau von da an stets «päpstliche Pfarrei» – eine Bezeichnung, die nach P. Rainald dem geschichtlichen Sachverhalt nicht ganz entspreche.

Seit 2002 hat mit Toni Kuster ein neuer Abschnitt der Pfarreigeschichte begonnen. Als Pastoralassistent ist er der erste Pfarreibeauftragte, der für die Seelsorge der Pfarrei zuständig ist. 2013 rückten dann die Pfarreien des Inneren Landes wieder einen Schritt näher zusammen mit dem Zusammenschluss zur Seelsorgeeinheit Appenzell.

Neue Pfarr- und Wallfahrtskirche

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich ab, dass eine neue Kirche nötig würde. Ab 1871 wurde die Kirchensteuer zugunsten eines Baufonds erhöht, aber 1876 wurde das Projekt eines Lustenauer Architekten auf unbestimmte Zeit verschoben. Bereits ein Jahr später, unter dem neuen Pfarrer Carl Augustin Falk, hatte die unbestimmte Zeit ein Ende: Er nahm den Bau einer neuen Kirche «im romanischen Styl» tatkräftig an die Hand; sie wurde ausdrücklich als Pfarr- und Wallfahrtskirche gebaut. Noch im gleichen Jahr erfolgten Beschluss und Verteilung der Fronarbeiten. Von den Liegenschaftsbesitzern innerhalb der Kirchgemeinde Brülisau wurden gesamthaft 14'115 Frontage geleistet. Die 6 Glocken haben zusammen ein Gewicht von 5620 kg; verziert sind sie mit Heiligen und Schutzengeln. Ihre Töne sind H, D, E, Fis, A. D.

Die Glocken wurden am 9. Juli 1879 abends zwischen 17:00 und 18:49 Uhr innert 4 - 6 Minuten, einzeln von 30 Mann, in den Turm aufgezogen. Für die grosse Glocke brauchte es aber noch Verstärkung der Mannschaft.

Die Glockenweihe fand am Donnerstag, 31. Juli 1879, morgens um 8:30 Uhr statt. Am 14. August 1879 war das gesamte Geläut zum ersten Mal von den Bewohnern von Brülisau und Umgebung zu hören

Die Kirchweihe Brülisau fand am Tag des hl. Michael, 29. September 1880, durch H.H. Bischof Karl Johann Greith statt . Morgens um 8:00 Uhr begann die Weihe im Beisein von 21 Priestern. Um 12:00 Uhr begann dann das Hochamt.

Die gesamten Kosten des Baus, inklusive Glocken und Mobiliar, beliefen sich auf gut 138'000 Fr.; bei Baubeginn waren 34'600 Fr. im Baufonds. Ende 1892 aber war die ganze verbliebene Restschuld abgetragen. In einer Chronik heisst es dazu. «Der Kirchenneubau war eine ganz gewaltige Leistung für das ca. 600 Seelendorf Brülisau. Ein Stück Gemeinschaftssinn aus dieser vergangenen Zeit ist dem Bergdorf bis heute erhalten geblieben».

1975 - 1977 wurde die Pfarrkirche innen und aussen renoviert und wieder so ausgemalt, wie sie ursprünglich, anno 1879, sich präsentiert hatte. Gleichzeitig wurde auch die Orgel erneuert. Die Kirchhöri hatte sich für eine Restaurierung statt eines Neubaus entschieden; die Restaurierung erfolgte unter der Aufsicht der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege. 1983 wurde ein Geräteraum sowie eine Friedhofkapelle in den Kirchensockel eingebaut. 2007 erfolgte eine Innenreinigung, 2012 wieder eine Aussenrenovation.

«Seltenes Beispiel des katholischen Kirchenbaus»

Die Brülisauer Kirche ist das einzig vollständig erhalten gebliebene Werk des Schwyzer Architekten Clemens Steiner. Es gehöre «zu den heute seltenen Beispielen des katholischen Kirchenbaus um 1880. Steiner hat unbeschwert Anregungen von den wenig früheren Plänen des unbekannten Franz Fitz übernommen, sie aber durch Vereinfachung und Vereinheitlichung zu einem überzeugenden Baukörper umgestaltet», so P. Rainald. Der Innenraum sei wohlproportioniert. Steiners Lehrer war übrigens Gottfried Semper, ein deutscherArchitekt, eine Zeitlang Dozent an der ETH Zürich. Semper (* 29. November1803 in Hamburg; † 15. Mai1879 in Rom) baute in Zürich das Hauptgebäude der ETH und in Dresden das weltberühmte Hof-Theater, die Semper-Oper.

Brülisaus Kirchenpatron, der heilige Sebastian (* in Mailand oder Narbonne; † um 288 in Rom), war ein römischer Soldat und wird in der katholischen und orthodoxen Kirche als Märtyrer verehrt. Sebastian ist der Schutzheilige gegen die Pest, da man seiner Fürbitte das schnelle Erlöschen der Pest 680 in Rom zuschrieb, und anderer Seuchen, sowie Beschützer der Brunnen, die er gegen Pestilenzen schützt. Von den Bauern wird er angerufen, wenn die Maul- und Klauenseuche (oder eine andere Viehseuche) droht. Ausserdem ist er Patron der Waldarbeiter. Die neun Gemälde im Kirchenschiff zeigen anschaulich Szenen aus dem Leben des Heiligen.